ln-online/lokales vom 12.12.2006 00:00
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Bahnverbindung Lübeck - Stettin: Einmal Polen und zurück
Das Königstor – eines der vielen Wahrzeichen Stettins aus deutscher Zeit. Foto: Meyer/LN
Das Königstor – eines der vielen Wahrzeichen Stettins aus deutscher Zeit. Foto: Meyer/LN
Lübeck/Stettin - Das historische Ereignis beginnt im Dunkeln. Auf Gleis 2 des Lübecker Hauptbahnhofs und unbemerkt von der Öffentlichkeit. Niemand applaudiert. Kein Politiker hält eine Rede. Keine Blaskapelle, die festlich spielt. Nur eine kleine Gruppe mit zehn, elf Personen will das Ereignis miterleben, wartet tapfer in der Kälte auf den Regionalexpress 5307. Die Bahn fährt von Lübeck nach Stettin - der erste Direktzug von der Trave an die Oder seit 61 Jahren.

Als der Zweite Weltkrieg endete und Stettin polnisch wurde, kappten die Besatzer die Verbindung nach Lübeck - und damit den Weg zurück in die Heimat für hunderttausende Flüchtlinge aus Pommern. Erst jetzt hat die Bahn Stettin wieder als Ziel in den Fahrplan aufgenommen.

"Gleich wird er kommen. Nur noch zwei Minuten": Ingo Naefcke schaut ungeduldig auf die Uhr. Wie ein kleines Kind, das die Bescherung an Heiligabend erwartet. Naefcke ist in Stettin geboren. Dass die Verbindung von der Trave an die Oder zustande gekommen ist, "dafür habe ich jahrelang gekämpft", sagt der 67-Jährige. Die Bahn hatte er angeschrieben, ebenso die Wirtschaftsministerien in Kiel und Schwerin. Als im April das "Grüne Licht" für die Touren im Zwei-Stunden-Takt kam, "war die Freude riesig".

Pünktlich um 8.01 Uhr geht es dann endlich los. Start für die Premierentour. Im schlichten Zug mit zwei schmucklosen Waggons. Aber das ist Uwe Köhler egal. Er reist von seiner neuen Heimat zur alten. "Ich wurde in Stettin geboren, musste nach Lübeck flüchten", erzählt der 68-Jährige. Die Fahrt im Direktzug - für ihn ein Stück Vergangenheitsbewältigung: Er will auf den Spuren seiner Vorfahren wandeln.

"Ich fahre oft nach Stettin, in meine wunderschöne Geburtsstadt", sagt Marianne Schulz, während der Zug durch Mecklenburg rauscht. "Dass es jetzt eine Direktverbindung gibt, ist klasse. Bisher musste ich immer umsteigen und lange warten", sagt Schulz. Mit den anderen Lübeckern will sie Stettin in einer historischen Straßenbahn erkunden. "Wenn noch Zeit bleibt, gehe ich zum Hauptfriedhof. Ans Grab meines Bruders."

An jeder noch so kleinen Station macht der Zug Halt. In Bad Kleinen steigen Fußballfans zu. Sie grölen und wissen nicht, an was für einem Ereignis sie teilhaben. "Ich bringe meine Tochter nach Hause, nach Stettin", erzählt Zofia Muuss-Kwiatkowska (42). Anita hatte sie in Lübeck besucht. Die fünf Stunden Fahrt vertreiben sie sich mit Rätseln. "Super! Mit diesem Zug komme ich schneller zu meiner Mutter", schwärmt die 21-Jährige.

Als der Zug die Grenze passiert und Zöllner zusteigen, denkt Klaus Rast (71) zurück: "Früher bin ich mit meiner Mutter oft von Lübeck nach Stettin gefahren. In nur drei Stunden. Und das war 1939." Am Horizont sind die ersten Türme Stettins zu sehen, die trostlosen Plattenbauten der sozialistischen Ära kommen näher. Und Ingo Naefcke hält es nicht mehr auf dem Sitz: "Gleich bin ich zu Hause."
Von Andreas Meyer, LN
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